Die Angst der Machteliten vor dem Volk

  • Version
  • Download 0
  • Dateigrösse 4 MB
  • Datei-Anzahl 1
  • Erstellungsdatum 5. Januar 2021
  • Zuletzt aktualisiert 5. Januar 2021

Die Angst der Machteliten vor dem Volk

Physische und psychische MachtausübungIn allen historischen Gesellschaften - mit Ausnahme der frühesten archaischen - läßt sich eine kleine Zahl von Herrschenden einer großen Zahl von Beherrschten gegenüberstellen. Das natürliche Ziel der Herrschenden ist naturgemäß immer, ihre Herrschaft zu stabilisieren. Dazu stehen ihnen – der menschlichen Natur entsprechend – zwei Wege offen: Eine rohe, auf den Körper zielende Machtausübung und eine ausgefeiltere, auf die Psyche zielende.

5Die psychische Machtausübung zielt darauf ab, sozusagen den ‚Kopf in Ketten‘ zu legen, durch Produktion geeigneter Ideologien und durch Manipulation des Den-kens und Fühlens. Die physische Machtausübung folgt einer recht einfachen Logik: „Tue der Starke, was er könne, und erleide der Schwache, was er müsse.“ Das ist ein berühmtes Zitat aus dem Melierdialog aus dem Werk „Der Peloponnesische Krieg“ des griechischen Historikers Thuky-dides, in dem Thukydides die Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen Athen und Sparta beschreibt. Athen stand damals auf der Höhe seiner Macht und auch auf der Höhe seiner kulturellen Entwicklung. Innenpolitisch hatte Athen eine Form der partizipatorischen Demokratie erfunden und verwirklicht4. Außenpolitisch betrieb es eine aggressive Hegemonialpolitik gegenüber den umge-benden Stadtstaaten und zwang sie in eine Organisationsform, die für Athen eine ähnliche Rolle spielte wie die NATO für die USA. Athen duldete - vergleichbar mit der Truman-Doktrin der USA - keine neutralen Staaten in seiner Umgebung und stellte die umgebenden Stadtstaaten vor die Wahl: Unterwerfung oder Vernichtung. Melos, eine kleine Insel in der Agäis, die seit 700 Jahren neutral war, bestand jedoch darauf, auch im Konflikt zwischen Athen und Sparta neutral zu bleiben. Die Melier konnten gute Gründe anführen, dass ihre Neutralität für Athen nicht von Nachteil sein würde. Sie hofften, diese Gründe auch den Athenern einsichtig machen zu können. Athen erklärte jede Form von Argumenten jedoch für belanglos und antwortete, dass Recht nur zwischen gleich starken Parteien gelten könne; ansonsten tue der Starke, was er könne, und erleide der Schwache, was er müsse. Danach belagerte Athen den Hauptort der Insel so lange, bis der Stadt die Vorräte ausgingen und sie sich unterwerfen mußte; anschließend wurden alle männlichen Einwohner getötet und Frauen und Kinder versklavt. Der Melierdialog legt beispielhaft die Grundmuster von Real-politik offen: dass nämlich für Hegemonialmächte nur das Recht des Stärkeren gelten könne und somit moralische und rechtliche Fragen irrelevantsind.